Muss es das Studio sein oder reicht das Wohnzimmer?

Rudertraining-im-Studio
Es gibt Sportarten, die lassen sich sowohl Privat als auch im Fitnessstudio nur an Geräten trainieren: Ruden ist eine davon, denn ob an der Maschine oder im Wasser, es ist immer teures Equipment vonnöten. Bei anderen Sportarten sieht das jedoch ganz anders aus. (c) Bigstockphoto.com/108367412/luckybusiness
Redaktion
Geschrieben von Redaktion

Wer regelmäßig und intensiv Sport treiben will, kommt nicht um eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio herum. Doch ist das wirklich so?

Österreich ist, da unterscheidet sich das Land nicht von anderen Nationen Mitteleuropas, eine Nation der Freizeitsportler. Das zeigt sich beispielsweise an den Anmeldezahlen der Fitnessstudios, die 2015 neue Rekorde erreichten mit 530000 Sportlern – bei 8,7 Millionen Österreichern wohlgemerkt.

Doch stellen Fitnessstudios für manche nicht die Optimallösung dar: Warum beispielsweise auf dem Laufband die Wand anstarren, wenn man in Österreich die schönsten Landschaften durchlaufen kann? Kommt noch hinzu, dass Fitnessstudios nicht kostenlos sind. Ein monatlicher Beitrag ist immer fällig und oft genug landet man bei schwarzen Schafen der Branche auch noch in langfristigen Knebelverträgen, aus denen kaum ein Ausweg zu finden ist. Doch was wäre die Alternative? Können ein paar Hanteln und ein Trainingspläne wirklich die Ausstattung eines Fitnessstudios im Wert von Abertausenden Euros ersetzen, von den Fähigkeiten der angestellten Trainer ganz zu schweigen? Der folgende Artikel versucht, eine Antwort darauf zu finden und auch, ob wirklich jeder aufs Fitnessstudio verzichten und zuhause trainieren könnte.

1. Das Fitnessstudio

Vorteile

Zugegeben: Die gute alte „Muckibude“ hat einen gewaltigen Trumpf im Ärmel: Sie ist komfortabel. Das kommt besonders spontanen Menschen zugute. Wer einen Vertrag hat, kann trainieren gehen, wann immer ihm der Sinn danach steht – sogar oft genug rund um die Uhr. Das ist vor allem in Großstädten wichtig: Wer hat beispielsweise, wenn er mitten in Wien lebt und arbeitet, nach Feierabend noch Lust, sein Fahrrad in den Kofferraum zu packen, sich durch den Verkehr ins Umland zu begeben und dann dort zu strampeln?

Fitness Fakten 3

Und vor allem ist die Anzahl der Geräte, im Vergleich zu dem, was monatlich als Mitgliedsbeitrag zu berappen ist, geradezu lächerlich gering. Das durchschnittliche Fitnessstudio wartet mit mehreren Dutzend Geräten auf, mit denen sich jede nur denkbare Muskelpartie einzeln und gezielt trainieren lässt – dies alles unter Anleitung, denn in vielen Studios arbeiten ausgebildete Fitness- und Gesundheitstrainer. Diese sind die Fachleute, die aus einem Raum mit Trainingsgeräten erst ein Studio machen. Nur ihre Kenntnisse ermöglichen es, ein für jeden Sportler passendes Trainingsprogramm zu erstellen und ihn zu einem bestimmten Ziel zu führen. Das ist vor allem für Anfänger wichtig, die von dem gesamten Thema noch nicht wirklich eine Ahnung haben und auch für Menschen, die aufgrund von gesundheitlichen Problemen Sport machen wollen.

Training mit Coach

Sobald das Training medizinisch-therapeutische Gründe hat, ist ein professioneller Trainer unerlässlich. (c) Bigstockphoto.com/91308515/dolgachov

Daneben muss man dem Fitnessstudio schlicht die Gruppendynamik zugutehalten: Die meisten Studios sind mehr als reine Trainingsakademien, sondern Freizeittreff und oft genug Plauderecke für die Mitglieder. Und das kann für die eigene Motivation Gold wert sein, denn Gruppendynamik zieht auch Unmotivierte mit. Das zeigt sich auch bei einem anderen, Studio-spezifischen Inhalt, den Gruppentrainings:  Ob Yoga, Fitboxen oder Power-Radeln, diese Kurse, ebenfalls unter Anleitung, ermöglichen ein anstrengendes und trotzdem spaßiges Training in der Gemeinschaft.

Nachteile

Allerdings muss man dem Fitnessstudio auch mit etwas Argwohn begegnen. Es beginnt schon mit einer simplen Tatsache: Nicht jedes Studio hat die gleichen Qualitätsstandards. In einem gibt’s hochwertige Betreuung und gepflegte Geräte, im nächsten langweilt sich eine Aushilfe am Tresen, während die Gewichte in den Geräten vor sich hin rosten. Vor allem die großen Ketten, die nicht nur in Österreich operieren, sparen oft am Personal.

Fitness Fakten 3

Obendrein ist die Mitgliedschaft, wie bereits erwähnt, bindend. Meist sind die Vertragskonditionen geschickt verklausuliert, sodass der Unterzeichner nicht merkt, dass er, wenn er nicht rechtzeitig kündigt, automatisch ein weiteres Jahr (oder länger) in dem Vertrag verbleiben muss. Daneben stellen die Verträge eine dauerhafte finanzielle Belastung dar – ob man trainieren geht oder nicht. Zudem können die Betreiber ihre Beiträge jederzeit anheben.

Und dann macht auch die Distanz noch einen Strich durch die Rechnung: Wo in Graz, Linz oder Salzburg das Fitnessstudio vielleicht einen zweiminütigen Fußmarsch entfernt ist, sieht es auf dem Land schon ganz anders aus: Eine halbe Stunde im Auto verbringen, um zum Training zu kommen, ist nicht nur nervtötend, sondern pures Gift für jede Motivation: „Ach, es regnet, jetzt noch ins Auto setzen? Lieber nicht“.

2. Zuhause trainieren

Vorteile

Das Training zuhause ist mitnichten kein „echtes“ Training, sondern eben nur anders – und hat deshalb seine spezifischen Vor- und Nachteile. Es beginnt bereits mit der Mär der besseren Beratung. Natürlich ist es für Übergewichtige oder in der Bewegung eingeschränkte Personen besser, sich von einem Fachmann einen Trainingsplan erstellen zu lassen. Aber: Wer durchschnittlich gesund und fit ist, braucht beileibe keinen Fachmann. Dem reichen auch Trainingspläne, wie sie etwa der Sportartikel-Riese SportScheck kostenlos auf seiner Webseite anbietet. Solche Pläne werden ebenfalls von Fachleuten erstellt und sind, bei konsequenter Einhaltung, genau so effektiv und ungefährlich als wenn ein ausgebildeter Trainer hinter einem stünde. Wer hier Zweifel hegt, kann in andere Bereiche schauen, etwa das Militär. Elitesoldaten trainieren auf einem wesentlich höheren Niveau als jeder Hobbysportler – vollkommen ohne Geräte. Und deren Programm lässt sich ebenfalls zuhause reproduzieren.

Fitness Fakten 2

Und gleichzeitig gilt: Das Fitnessstudio mag zwar komfortabel sein, aber so spontan und billig wie privat zu trainieren, ist nichts anderes. Lust auf eine Runde Jogging? Schuhe anziehen und auf geht’s. Gerade bei den Ausdauersportarten sind Geräte schlicht überflüssig: Laufen, Walken kann man auch zuhause oder zumindest in der Natur – wer in einem Hochhaus lebt kann auch für eine halbe Stunde die Treppen auf und ab gehen und hat damit den gleichen Effekt wie auf einem teuren Stepper – ohne Monatsbeitrag und Vertrag.

Und auch bei den Kraftsportarten gilt: Praktisch alles, wofür es einzelne Maschinen gibt, lässt sich auch mit Hanteln, die es für kleines Geld zu kaufen gibt, trainieren. Und nicht wenige Fachleute sind gar der Auffassung, dass Maschinentraining sowieso schlechter ist.

Heimtraining mit Matte

Wer sich selbst motivieren und entsprechende Handlungsanweisungen befolgen kann, erzielt auch im eigenen Wohnzimmer ähnliche Ergebnisse, wie im modernsten Studio. (c)Bigstockphoto.com/119527676/dolgachov

Und auch die Gruppendynamik ist für viele nur eine Mär: Wie fühlt man sich als pudding-armiger Anfänger im Studio, wenn der Nebenmann vor dem Spiegel die austrainierten Muskeln spielen lässt? Welche Frau will schon inmitten anderer Geschlechtsgenossinnen (und Männer) ohne Schminke und total verschwitzt trainieren? Und wer jemals zu Stoßzeiten im Fitnessstudio war, der weiß: Staus gibt es nicht nur auf der Autobahn, sondern auch an der Rudermaschine. Kommt noch hinzu, dass der Kontakt mit dem Schweiß und den Ausdünstungen anderer nicht gerade wenige abschreckt, ist die Ruhe des eigenen Zuhauses oft die bessere Trainings-Alternative.

Nachteile

Allerdings gilt beim Heim-Training: Die Motivation muss erst einmal aufgebracht werden. Wer nach einem langen Arbeitstag nachhause kommt und auf der einen Seite die Couch und der anderen die Hanteln sieht, hat es schon schwer, sich für die Betätigung zu entscheiden. Umgehen lässt sich das praktisch nur bei Ausdauersportarten: Also mit Freunden laufen gehen beispielsweise. Doch seine Zweizimmerwohnung für mehrere Kumpel zur Muckibude umfunktionieren? Das wird nicht nur den Vermieter stören.

Fitness Fakten

Und apropos Vermieter: Natürlich nehmen Hanteln nicht viel Platz ein. Aber schon, wer es sich per Hantelbank leichter machen will, bekommt je nach Wohnsituation Platzprobleme – von anderen Heimgeräten ganz zu schweigen.

Außerdem gilt: Wer Geräte haben will, der muss sie als Heim-Trainierender aus eigener Tasche zahlen. Wer bei den Maschinen an der falschen Stelle spart, riskiert seine Gesundheit. Und wer nicht wirklich sicher ist, dass sein Körper sich in gutem Zustand befindet, tut das ebenfalls auf eigene Gefahr. Vor der Eröffnung des heimischen Studios sollte also zumindest ein Gang zum Hausarzt führen, der einen auf Herz und Nieren überprüft.

Bankdrücken mit Trainer

Einige Sportarten, wie das Bankdrücken mit der Langhantel, sind ohne einen absichernden Partner gefährlich. Fürs Heimtraining müssen dann Alternativen gefunden werden. (c)Bigstockphoto.com/14508407/Rido81

Doch selbst wenn alles okay ist, kann das Solo-Training noch gefährlich sein: Im Fitnesstudio ist praktisch immer mindestens eine zweite Person zur Stelle, die beispielsweise als Sichernder beim Bankdrücken dabei ist. Wenn zuhause etwas passiert, können sich leicht lebensbedrohliche Situationen einstellen.

Ein weiterer Punkt sind die Kurse: Zwar gibt es schon seit Jane Fonda eine unglaubliche Zahl an Fitness-Clips für den heimischen Fernseher – oder etwas moderner auch über die entsprechenden Online-Videoportale – aber: Ein Haufen Leute auf einem Bildschirm ist eben nicht das gleiche wie ein laut pumpender Beat aus dem Studio-eigenen Soundsystem und die persönlichen Anfeuerungen eines Kurstrainers.

Was für wen?

Oft genug gehen Vergleiche dieser Art unentschieden aus, weil beide Kontrahenten gleichauf liegen. Etwas anders liegt es im Fall Fitnessstudio vs. Heimtraining. Denn hier liegen die Unterschiede vor allem beim Menschen:

Das Fitnessstudio eignet sich eher für:

  • Menschen, die wegen der Gesundheit eine professionelle Betreuung benötigen
  • Charaktere, die ohne die Motivation anderer keinen Finger rühren würden
  • Städter, die das nächste Studio binnen weniger Minuten erreichen können.
  • Anfänger, die sich nicht sicher sind, ob sie mit Trainingsplänen alleine arbeiten können
  • Alle, die das Studio als einen Weg ansehen, Sozialkontakte zu pflegen.

Umgekehrt ist das Heimtraining für folgenden Personenkreis geeignet:

  • Ausdauersportler, die wenig oder gar keine Geräte benötigen
  • Alle, die sich selbst motivieren können
  • Einzelgänger, die nicht inmitten des Schweißes anderer Sport treiben wollen
  • Sehr spontane Charaktere, die auf keine Öffnungszeiten Rücksicht nehmen können
  • Sparfüchse, die mit Mitgliedsbeiträgen nichts am Hut haben wollen
  • Erfahrene Sportler, die keine Aufsicht benötigen
  • Menschen, die weite Wege zum nächsten Studio in Kauf nehmen müssen

Welchen Schwerpunkt er setzt, muss jeder Einzelne für sich selbst entscheiden. Fest steht jedoch: Nicht zuletzt dank des Internets gibt es heute für gesunde Durchschnittsmenschen, die fähig sind, Anleitungen zu befolgen, keinen wirklichen Primärgrund mehr, einen Vertrag im Studio abzuschließen.

Muss es das Studio sein oder reicht das Wohnzimmer? 5.00/5 (100.00%) 1 vote